Okarito

Wir sind zurueck aus der tiefsten Pampa, aus Okarito, und Okarito gehoert nun zu den absoluten Highlights dieser Reise.

Okarito liegt etwa 25 km von Franz Josef entfernt; durch Franz Josef, rund 350 Einwohner, werden taeglich ueber 3.000 Touristen geschleust, dort herrscht also unheimlicher Betrieb. Da reiht sich Hotel an Motel an B&B an Backpacker, Gefuehrte Gletscher-Wanderungen an Gletscher-Rundfluege an Heli-Skiing - ich glaube, Ihr versteht, was ich meine. Davon merkt man in Okarito ueberhaupt nichts mehr. 25 km, und es scheint eine gaenzlich andere Welt.

Wie im letzten Beitrag schon erwaehnt ist der Ort eher klein; wie wir jetzt wissen, sind es mittlerweile 36 Einwohner. Ende des 19. Jahrhunderts waren es einmal ueber 1.000, das war die Zeit des Goldrausches, doch davon merkt man quasi nichts mehr. Zwei “historische” Gebaeude, ein paar Informationstafeln. Doch man hat nicht das Gefuehl, in einer “gestorbenen” Stadt zu sein, in der versehentlich noch ein paar Kaeuze leben, die halt dort geboren wurden, weil es ihre Familien nicht mit allen anderen geschafft haben, diesen Ort wieder zu verlassen, sondern in einem schmucken Kaff mit schmucken Haeusern, in dem Menschen leben, die sich dort wohl fuehlen.

Und obwohl dort durchaus Tourismus herrscht - es gibt einen Backpacker, die Jugendherberge, eine Lodge und einen Campingplatz, ausserdem Kayaks auszuborgen und zwei gefuehrte Natur-Wanderungen - wirkt das Dorf nicht touristisch. Wo die Touristen alle waren, ich weiss es nicht. Wir kamen gegen 14 Uhr bei strahlendem Sonnenschein an, und das Dorf lag voellig ruhig, menschenleer strahlend vor uns.

Die Jugendherberge befindet sich in einem der zwei historischen Gebaeude, im alten Schulhaus von 1901, in dem bis 1946 unterrichtet wurde. Das Haeuschen, mehr ist es nicht, ist entzueckend: Zwei Raeume, eine Wohnkueche mit 9 in drei Stockwerken uebereinander angeordneten Betten, und ein Schlafraum mit weiteren 6 Betten, in dem auch ein Waschbecken ist. Wir kamen rein, kein Mensch da, man muss sich drei Haeuser weiter, im Backpacker, selbst “einchecken”, und bis 19:40 dachten wir, wir haetten das Haus fuer uns alleine, dann kam doch noch ein Franzose.

Ein paar Schritte von der Jugendherberge entfernt der Strand - breit und schoen. Das Meer selbst ist dort zum Baden wegen Stroemungen zu gefaehrlich, doch der Strand steigt zunaechst an, faellt dann wieder ab, und in der Senke dahinter ist ein Becken, das sich bei Flut fuellt und in dem man auch Baden koennte. Ich habe sogar kurz darueber nachgedacht, doch dann sind wir doch einfach am Strand entlanggebummelt, der diesmal mehr einer fuer mich war: Eher keine Muscheln, dafuer viele schoene Steine. Ich sag’ Euch, ich werde wirklich kiloweise Steine heimschleppen (weiss der Geier, was ich damit mache, aber manche sind einfach so schoen …)

Zu kayaken haben wir nicht geschafft, weil man nur bis 14:30 Kayaks ausgibt. Aber die Enttaeuschung darueber hielt sich in Grenzen, denn wir waren deswegen erst so spaet beim Verleih eingetroffen, weil wir am Weg dahin noch im Nebenhaus der YHA eine Kiwispotting-Tour gebucht hatten - eine der zwei gefuehrten Naturwanderungen, die man in Okarito anbietet. Und dort hatten wir Riesen-Glueck gehabt: Ian nimmt maximal 8 Personen mit auf eine Tour, und er hatte gerade, als wir bei der Tuer hereinkamen, das Telefon aufgelegt und die Absage von 2 Personen entgegengenommen, und so war Platz fuer uns.

Um 19:40 stellten wir uns wieder bei ihm ein und erhielten eine kurze Einweisung. Er hatte eine Skizze an der Wand haengen, aus der wir ersehen konnten, welche 8 Voegel in dem Gebiet, in das wir fahren wuerden lebten, welches Maennchen mit welchem Weibchen, wie der Weg verlief, den wir gehen wuerden, und wie die Territorien aussahen. Ausserdem machte er uns darauf aufmerksam, dass es von uns, dem Team abhinge, ob wir Kiwis sehen wuerden; im Februar sei er bis zu diesem Zeitpunkt 20 x draussen gewesen, 17 x davon haetten sie Kiwis gesehen, und er schilderte den Abend davor, an dem sie nach einer Stunde Wartens die ersten Kiwis gehoert und weitere 20 Minuten spaeter einen Kiwi gesehen haetten, eine weitere Stunde spaeter sogar noch zwei Voegel auf einmal. Aber: Darauf koennten wir nicht bauen, jede Tour sei anders.

Dann bekamen wir jeder eine gelbe Warnweste (wegen der Jaeger, die auch um diese Zeit unterwegs waeren - da wurde mir einmal anders!), einen Hut mit Moskitonetz, eine Taschenlampe und ein Walkie Talkie, und los ging’s.

Am Weg zu unserem Ausgangspunkt spielte er uns eine Kassette mit Kiwi-Geschrei vor, damit wir wuessten, worauf wir zu hoeren hatten, beim Marsch ins Kiwi-Territorium erzaehlte er uns noch mehr darueber, wie Kiwis leben, welche Geraeusche sie machen. Z.B. das Rascheln im Busch: ein stetiges Rascheln sei ein Possum. Hoerten wir jedoch Rascheln, Rascheln, Pause, wieder Rascheln, Pause, dann sei das ein Kiwi, das kaeme von ihrer Art, ein, zwei Schritte zu gehen, und dann mit ihrem Schnabel im Laub nach Futter zu suchen.

Ja, und dann ging’s los. Einweisung in die Funktion der Walkie Talkies, und eine Hollaenderin, Ciska, war die erste, der er mitteilte, dass sie sich einen gewissen Baumstamm merken solle, denn hier ende ihre Zustaendigkeit. Ein paar zig Meter weiter liess er Ciska und mich stehenbleiben, teilte mir mit, dass ich schauen solle, wo er Karin hinstellen wuerde, denn dort wuerde meine Zustaendigkeit enden, und Ciska und ich standen alleine da. Dann meldete sich Ian noch einmal ueber Funk, liess jeden von uns bestaetigen, dass wir ihn hoerten, und dann war Stille. Wir lauschten, und schliesslich gingen wir langsam los. Schritt, Lauschen. Schritt, Schritt. Lauschen. Lauschen. Ein Blick zurueck, ob ich Ciska noch sehe, mittlerweile war es schon ziemlich dunkel, sie verschwand gerade hinter der Kurve. Schritt, Schritt. Lauschen. Lauschen. Ploetzlich sprang das Walkie Talkie an, “It’s Rachel, I hear walking in the bush.” Ian: “Ok, I’ll come and check that out. Over.” Zu diesem Zeitpunkt waren wir vielleicht 5-10 Minuten lauschend unterwegs. Wieder einen Schritt, Lauschen. Schritt, Schritt, Lauschen. Dann stellte ich fest, dass ich eigentlich schon dort war, wo Karin angefangen hatte, drehte um, Schritt, Schritt, Lauschen. Schritt, Lauschen. Ploetzlich das Walkie Talkie, Ian: “I want you all down here with me, NOW!”.

Ich drehte um und ging, moeglichst leise, aber doch so rasch, wie es ging, den Weg weiter hinunter. Ploetzlich wieder Ian: “Ciska, don’t answer to this one, I want you to RUN here as fast as possible, just RUN!”

Nachdem ich ja unmittelbar vor Ciska war, begann nun auch ich zu laufen, und die Anspannung war so gross, und das Gefuehl, jetzt wirklich gleich einen Kiwi IN THE WILD zu sehen so grossartig, dass mir Traenen der Freude kamen. Ich dachte nur immer “Ein Kiwi! Ein Kiwi!” und lief, bis ich Karin einholte, die unertraeglich langsam den Weg entlangging, “warum schlaeft die ein”, dachte ich, “ein Kiwi, verdammt, ich will zum Kiwi!”

Und dann hatten wir die Gruppe erreicht. Ian leuchtete immer wieder mit seiner Rotlichtlampe (unsere weissen Taschenlampen waren nur fuer den Rueckweg gedacht) in den Busch, lies sie wandern, und wir standen alle mucksmaeuschenstill. Und dann hoerten wir: Rascheln. Rascheln. Pause. Rascheln. Und dann ein ohrenbetaeubend lautes Schreien, das genauso klang, wie es uns Ian im Auto vorgefuehrt hatte. Rascheln, Rascheln, das naeher kam.

Und schliesslich tat Ian das, was er angekuendigt hatte: Er leuchtete staendig auf eine Stelle am Rand des Busches, und er hatte vorher gesagt, wenn er das taete, dann sollten wir diese Stelle fixieren, denn er sei recht gut darin zu erkennen, wo der Kiwi rauskommen wuerde. Und dann ging es ganz schnell:

Rascheln, Rascheln - und dann ein Schnabel, ein Kopf, und dann lief dieser Kiwi - erstaunlich gross uebrigens - mit seltsam federnden Schritten und erstaunlich schnell, vor uns ueber den Weg und verschwand wieder im Busch. Ian leuchtete noch ein wenig, doch er war nicht mehr zu sehen, wohl aber noch zu hoeren.

Er liess uns Plaetze tauschen, so dass Karin und ich vorne bei ihm standen, und wir warteten wieder, hoerten auf das Rascheln. Und schliesslich tauchte wieder der Schnabel auf - und ich konnte mir nicht helfen, mir entkam ein doch hoerbares “Ja!”, was aber gottseidank den Kiwi nicht zu erschrecken schien, und noch einmal lief der Kiwi, vielleicht 3 Meter von uns entfernt, ueber den Weg.

Dieses Laufen ist schwer zu beschreiben: Ich kann es ganz gut vorfuehren ;-) Es hat ein wenig etwas von einer Comicfigur. Stellt euch vor, Ihr drueckt Euch auf die Zehen, und lauft dann, indem Ihr die Knie extrem hoch zieht, und beim Landen federt Ihr wieder auf den ganzen Fuss - so ungefaehr.

Ian informierte uns dann, dass es sich um ein Maennchen namens BZ handelte - saubloeder Name. Das ist eigentlich der einzige Daempfer bei der ganzen Geschichte: da sehe ich einen Kiwi IN THE WILD, und dann heisst der BZ! Da kann Ian aber nichts dafuer, die Namen vergibt das DoC, und manche Voegel kriegen richtige Namen, und manche nur solche, die ihre Abstammung verraten. BZ ist uebrigens liiert mit BQ - auch nicht besser!

Nun ja, Ian meinte dann, so schnell sei es fast ueberhaupt noch nie gegangen, dass die Tour erfolgreich gewesen sei, und nachdem BZ keine Anstalten mehr machte, sich noch einmal zu zeigen, gingen wir den Weg zurueck, und Ian wollte noch unterwegs schauen, ob wir einen weiteren Vogel saehen, denn Rachel hatte noch einen Vogel rufen gehoert, und er hatte sie schon vorgeschickt, um ihn zu orten.

Doch das wurde nichts, und so gingen wir die halbe Stunde zurueck, ich hatte schon abgeschlossen, dass wir noch einen Kiwi sehen wuerden, weil Ian sich dann auch schon mit uns unterhielt, als er uns stoppen liess und meinte, er wuerde jetzt vorgehen, wir sollten ihm leise und langsam folgen. Das taten wir auch - endlos lange, wie es mir schien, Ian ging vorweg und schwenkte seine Rotlichtlampe links und rechts, rechts und links.

Und ploetzlich kam ueber das Funkgeraet: “Stop! I want you all to step to the left hand side of the path und slowly get to where I am pointing now.” Was wir taten, und relativ schnell hoerten wir wieder das Rascheln - und dann kam Beaumont, ein Weibchen, aus dem Busch.

Und dieses Tier lief nicht nur vor uns ueber den Weg, nein, sie liess sich ein bisschen laenger anschauen, verschwand dann wieder im Busch, und Ian folgte ihr langsam, und da blickte ich mich um und stellte fest: Wir standen neben unserem Auto!

Da fuehrt uns dieser Ian also eine halbe, dreiviertel Stunde weissichwieweit in den Busch, um einen Kiwi zu sehen, und dann wartet ein anderer gleich bei unserem Auto? Wisst Ihr, wieviele beschienene Gelsen um uns herum gewesen waren? Wir haetten gemuetlich im Auto warten koennen! ;-)

Auf jeden Fall sahen wir Beaumont dann noch einmal, ausfuehrlich sogar, ein wenig weiter im Busch - und dann liessen wir es gut sein.

Das Gefuehl nachher war einfach grossartig. Alles nur, weil wir so ein teppertes, flugunfaehgiges braunes Hendl gesehen haben, das die bloede Angewohnheit hat, nachtaktiv zu sein - ich war einfach nur gluecklich.

Wir tranken dann danach noch mit dem Franzosen in der YHA ein Flaeschchen Wein, und kurz vor 1 waren wir im Bett.

Standen am naechsten Tag noch um 7 (!!!) auf, und gingen den Okarito Trig Walk, auf einen Berg, von dem aus wir nach rechts ein Panorama mit den Southern Alps (das zweite Bild bei obigem Link) hatten - und genau, als wir oben waren, zogen die Wolken weiter, und wir sahen endlich den Aoraki Mount Cook. Und nach links blickten wir auf die Lagune und das Meer. Die Sonne kam auch genau hervor, waehrend wir rasteten, und uns war herrlich warm, es war still und wunderschoen.

Und dann haengten wir noch den Three Mile Lagoon-Weg an, noch einmal 2 1/2 Stunden, durch den Bush bergauf und bergab zu einer weiteren Lagune, und dann am Strand zurueck, diesen Weg kann man nur bei Ebbe gehen, und das passte gerade so hervorragend, denn um 10:22 war Ebbe und genau um diese Zeit gingen wir von der Thee Mile Lagoon zurueck. Um 1/2 12 waren wir wieder bei unserem Querci und hatten schon fast 4 Stunden Fussmarsch und mehrere sensationelle Ausblicke und Ansichten hinter uns.

Eigentlich haetten wir danach noch kayaken wollen, doch es zog dann zu und begann zu troepfeln, und genaugenommen waren wir auch ziemlich geschafft, haetten eh keine 4 Stunden mehr paddeln wollen. So fuhren wir also gemuetlich los in Richtung zum bereits einmal erwaehnten Old Church Backpacker, wo wir am fruehen Nachmittag ankamen, wo wieder die Sonne schien, und wir liessen den Nachmittag gemuetlich verstreichen, indem wir am Fluss, in der Sonne, Karins Muscheln und meine Steine wuschen und aussortierten, ich tollte mit einem Hund im Garten herum, spielte mit der noch jungen (!! so suess!!) Hauskatze, dann fuhr ich noch 16 km nach Ross, um Vanilleeis zu kaufen, weil wir beschlossen, unseren Crumble zu backen, und dazu gehoert Vanilleeis, was wir nicht hatten - ja, das waren zwei paradiesische Tage hintereinander.

Der Old Church-Backpacker, der wird Euch noch einmal begegnen, wenn ich den Teil II des Berichtes ueber unsere Unterkuenfte, die Highlights, schreibe.

Fuer heute belasse ich es hier. Ich weiss, es ist wieder sau-lang geworden, aber ich wollte Euch einfach so hautnah wie moeglich miterleben lassen, wie sensationell diese Kiwi-Tour fuer mich war. Ich hoffe, Ihr koennt es irgendwie nachfuehlen - mir standen beim Schreiben wieder streckenweise die Traenen in den Augen: Es hat mich unsagbar beruehrt, diese Voegel zu sehen.

Jetzt fehlt nur noch der Kea - und Ian hat uns genau mitgeteilt, wo am Weg nach Arthurs Pass eigentlich immer Keas zu finden sind. Ich werde, vermutlich, berichten …

2 Responses to “Okarito”

  1. Liebe Gabi,
    Günter meint du soolst die Steine als Handgepäck nehmen. Dasselbe gilt fur die vielen muscheln von dir Karin. Euer Kiwi erlebnis hat mich an unser Elchsafari mitten in der nacht in Norwegen erinnert, nur haben wir keine Elche gesehen!!
    Grüße aus der Waldegghofg.

  2. kiwifan is halt kiwifan! den satz mit den braunen hendlartigen hat meine bauchmuskeln erschüttert, kiwizynismus sozusagen! lach!
    lieben gruß
    andrea

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