Stewart und Ulva Island – Paradise lost

Als ich 1991/92 hier war, hatte ich Stewart Island leichten Herzens ausgelassen. Mein damaliger Reisefuehrer, den ich auch diesmal aus nostalgischen Gruenden mitgenommen habe, auch um nachzulesen, wo sich was geaendert hat, meinte sinngemaess, nach Stewart Island solle nur fahren, wer mit dem unbestaendigsten Wetter Neuseelands zurechtkomme, auf jeglichen Komfort verzichten koenne und wem es nichts ausmache, von Millionen von Sandflies bei lebendigem Leibe verspeist zu werden, ausser, man schmiere sich von oben bis unten mit absolut uebelriechenden Pasten ein, weil nur die uebelriechendsten ein klein wenig nuetzen. Man solle, wenn man nach Stewart Island fahre, genug „dry food“ mitnehmen, weil die Essensvorraete im einzigen Laden der Insel rasch erschoepft seien und solle Kleidung anziehen, auf die man verzichten koenne, weil man den Schlamm und Schlammgeruch nie mehr rauskriege. Klang doch richtig verlockend damals, oder? Ach ja, die Faehre ging damals in der Saison morgens von Bluff zur Insel, nachmittags wieder zurueck, in der Nebensaison Montags, Mittwochs und Freitags.

Dafuer versprach der damalige Reisefuehrer, was auch noch der neue verspricht: Dass man Straende und Wege (der neue Reisefuehrer: fast) fuer sich alleine hat, den dichtesten und urtuemlichsten Regenwald mit dem groessten Vogelreichtum Neuseelands vorfindet und alles noch ein bisschen geruhsamer zugeht als auf den anderen zwei Inseln.

Klingt schon ein wenig verlockender, trotzdem zog es mich nicht unbedingt hinueber, vor allem mit Karins Plan, den 3-taegigen Rakiura-Track zu gehen. Das wusste ich ja nun gut zu verhindern, indem ich mir die laedierte Ferse zugelegt habe, die ich tatsaechlich immer noch von Zeit zu Zeit spuere: Es tut nicht weh, aber sie ist da – und da will ich einfach nicht in die Wanderschuhe steigen, schon gar nicht mit der Aussicht, sie 3 Tage lang in der Middle of Nowhere zu tragen. Daher also die bereits im vorigen Beitrag angedeutete, abgekuerzte Version eines Trips nach Stewart Island, mit der sich auch Karin durchaus sehr zufrieden zeigte.

Ich schicke gleich vorweg: Wir hatten geniales Wetter. Unser erster Tag, Mittwoch, war ohnehin als strahlender Sonnenschein-Tag im ganzen Southland angesagt, deswegen hatten wir uns beeilt, diesen Tag in unsere Stewart Island-Erfahrung einzubauen. Der zweite Tag war in der Zeitung mit dem Piktogramm „zwei Wolken und zwei Regentropfen“ gekennzeichnet, den nahmen wir halt in Kauf, nach dem Motto „was wollen wir, es ist Stewart Island, vielleicht ist es ja nicht ganz so schlimm“. Gut, jetzt wissen wir, wie dieses Piktogramm zu deuten ist: Wir sahen am Donnerstag zwei Wolken und zwei Regentropfen, der Rest war noch tollerer Sonnenschein als am Tag davor. Mit einem Wort: perfekt! (Mittlerweile habe ich das Piktogramm „vier Wolken mit vier Regentropfen“ entdeckt, das gilt fuer morgen in der Invercargill-Gegend, die wir am Vormittag verlassen, ‘mal sehen, wie das genau zu deuten ist.)

Unser Flug war kurz und genial: Herrlicher Blick nach unten, die Dame vom Visitor Centre hatte Recht: Einfliegen ist tatsaechlich schoener als „einfaehren“. Schon von oben verhiess Stewart Island viele goldene Straende und viel Wald.

Das Flugfeld Stewart Islands liegt ein paar Kilometer noerdlich der einzigen Siedlung Stewart Islands, Oban, oft auch einfach Halfmoon Bay genannt, weil das die Bay ist, an der es liegt. Das haettet Ihr jetzt nicht erraten, ich weiss, und weil ich Euch jetzt auch unterstelle, dass Ihr Euch das nicht vorstellen koennt, hier auch noch eine Karte des Ortes (laesst sich mit Klick auch noch vergroessern). Nein, natuerlich nicht deswegen, sondern weil diese Karte einen schoenen Ueberblick ueber das gesamte Gebiet gibt, von dem im Folgenden die Rede sein wird. Und nur, damit Ihr ein Gefuehl dafuer bekommt, welch kleiner Anteil der Insel eigentlich bewohnt ist, hier eine Karte, aus der Ihr erstens ersehen koennt, dass Halfmoon Bay tatsaelich oft statt des eigentlichen Ortnamens verwendet wird und zweitens, dass Halfmoon Bay nur ein Punkt auf dieser Insel ist. Der Rest ist – nicht nur quasi – unbewohnt. Ihr seht es ja auch an der Strassenkarte – die Strassen hoeren alle auf, gerade die rechts scheint weiter zu gehen, aber auch sie endet, das darf ich Euch versichern, relativ bald im Nichts, sie fuehrt zum Anfang (oder Ende) des Rakiura Tracks.

Wir wurden also mit Bus ins Stadtzentrum, naemlich an die Wasserfront der Halfmoon Bay gebracht, wo wir, weil wir es noch ein wenig zeitig fanden, um schon im Backpacker aufzutauchen, einmal am Strand fruestueckten (das Essens-Bild von Karins Fotostory entstand ebendort). Dann war’s zwar immer noch zeitiger als wir normalerweise aufstehen (tja …), aber wir hatten einiges vor, also bezogen wir unser Zimmer, das auch schon frei war: interessanterweise waren alle Zimmer leer, kein Mensch zu sehen, obwohl es erst 10 Uhr war; normalerweise haengen um diese Zeit immer noch x Menschen in der Kueche oder sonstwo rum. Unser Backpacker hiess „the View“ und hatte einen sensationellen ebensolchen – zumindest dort haetten wir jemanden erwartet. Allerdings wurde uns schnell klar, wo die Menschen waren: Sie waren gefluechtet, denn wir hatten uns in noch keinem Quartier so unwillkommen gefuehlt wie in diesem. Doch dazu ein andernmal, in einem Beitrag ueber unsere Quartiere, mehr, sonst wird dieser noch laenger, als er ohnehin schon ist (ja, es stimmt, ich habe auch eine genetische Disposition dazu, laengere Elaborate zu verfassen, ich kann gar nichts dafuer ;-) ).

Auf jeden Fall wollten wir nach Ulva Island, der Vogelinsel. Ulva Island ist eine jener Inseln, die vom in Neuseeland allgegenwaertigen Department of Conservation dazu ausersehen wurden, ihre gefaehrdeten Vogelarten aufzunehmen. Ich weiss nicht, ob Euch das bewusst ist: Neuseeland kannte, bis die Menschen kamen, kaum Saeugetiere. Bis vor kurzem dachte man (und das war mein Wissensstand, bis ich soeben nachgelesen hatte), dass es nur ein paar, naemlich drei, Fledermausarten gegeben hatte, seit 2006 weiss man, dass es wohl auch ein mausgrosses Saeugetier gegeben hat. Was es aber auf jeden Fall nicht gab: raeuberische Saeugetiere. Fast alle oekologischen Nischen in Neuseeland wurden von Voegeln besetzt, u.a. dem bis zu 3,5 m grossen, flugunfaehigen, Moa (quasi der Giraffenvogel ;-) ), der von den Maori ausgerottet wurde und dessen heute noch lebender Verwandter der Kiwi ist. Und wie der Moa und Kiwi haben auch einige andere Voegel Neuseelands das Fliegen im Laufe der Jahrmillionen eingestellt – wozu auch, wenn keine Gefahr besteht, vor der es noetig ist, in die Luft zu fliehen. Tja, leider stellte sich diese Tatsache als eher sub-optimal heraus, als der Mensch kam und Hunde, Katzen, Beutelratten, Wiesel, Ratten etc. mitbrachte. Diese dezimierten Neuseelands Vogelwelt betraechtlich, viele Arten sind schon ausgestorben, manche gibt es gerade noch. Wie z.B. den Kakapo, der Mitte des vorigen Jahrhunderts bereits als wahrscheinlich ausgestorben galt, bis man doch noch ein paar Exemplare fand und begann, sie auf weit draussen liegenden Inseln wieder anzusiedeln. Auf jene Inseln kommt man ueberhaupt nicht, diese werden vom Department of Conservation (DOC) gehuetet wie – tja, wie das verlorene Paradies.

Aber Ulva Island. Rund 260 ha gross, wurde es in einer Saeuberungsaktion von 1993 bis 1997 von Saeugetieren, vor allem Ratten, befreit, und seither werden seltenere Vogelarten dort angesiedelt. Da ich ja auch eine genetisch bedingte Vorliebe fuer unsere gefiederten Freunde habe, war ich sofort Feuer und Flamme, das Wassertaxi hinueberzunehmen. 3 Stunden brauche man, um alle Tracks der Insel bequem zu durchspazierwandern, meinte die Dame vom Visitor-Centre; wir sagten unserem Wassertaxi, dass er uns 5 Stunden spaeter wieder abholen solle, und wir kamen 3 Minuten vor dem vereinbarten Termin wieder beim Pier an. Es war unglaublich schoen!

Obwohl es sogar eine „Wassertaxi-Faehre“ mit 3 x taeglichen fixen Ueberfahrtterminen gibt, begegneten wir gerade 5-8 mal Menschen, 1 x davon einer gefuehrten Gruppe, sonst Paaren. Obwohl Stewart und Ulva Island also mittlerweile „staerker“ touristisch orientiert sind, ist das nicht zu bemerken: Wenn ich zu einem Strand komme, am Eingang zwei Menschen begegne und gruesse, zum Ende des Strandes schlendere, mich umdrehe und feststelle, die zwei sind weg, den Rest der Zeit alleine am Strand bin, dann ist das kein Massentourismus, auch wenn es sich fuer die Stewart Islander so anfuehlen mag.

Zurueck zum Eigentlichen auf Stewart Island, den Voegeln: Wir hatten ein kleines Heft, das uns die „Birds to watch out for“ in Wort und Bild vorstellte. Wir waren kaum 10 Minuten unterwegs, da sass auf einem Ast, der in den Weg hineinragte, ein Bellbird (Korimako), und das Heft verriet uns, dass er einer der haeufigsten auf Ulva Island ist. Nun gut, immerhin, den haeufigsten hatten wir schon, und den sahen wir am Weg, der vor uns lag, immer wieder, woraufhin ich schon zu zweifeln begann, ob wir auch die selteneren zu sehen bekommen wuerden.

Dann unser erster Strand, eine Menschen-Begegnung – und unsere erste Vogel-Begegnung der besonderen Art: ein Weka, ein weiterer flugunfaehiger Vogel Neuseelands, beaeugte gierig das Kartoffelchip, das die Dame auf der Bank in der Hand hielt. Sie fuetterte ihn brav nicht, ihr Mann sprach sie an, sie blickte zu ihm – und als naechstes hoerten wir einen Schrei und sahen den Weka – mit dem Chip im Schabel – ins Unterholz fluechten. Obwohl es keiner gesehen hatte: der Vogel muss gesprungen sein, um ihr den Chip zu stehlen! Gut, die Beschreibung im Heft meinte, dass der Vogel in der Naehe von Menschen ziemlich frech werden koenne. Ja, das hatten wir somit bemerkt.

Mit Wekas hatten wir zwei Straende spaeter (und nein, wir sahen ihn nicht nur am Strand, entdeckten ihn auch oft im Wald im Laub) ein weiteres tolles Erlebnis: Er lief in den Steinen herum, dort, wo das Wasser stand, weil sie bei Flut ueberflutet werden, und raeumte immer wieder Steine zur Seite. „Was tut der?“ fragte ich mich und Karin, und versuchsweise drehte ich einen Stein um – woraufhin unzaehlige kleine Krabben fluechteten, der Weka zu mir gelaufen kam, und gierig begann, die Krabben zu futtern. Muss ich extra erwaehnen, was ich die naechsten 10 Minuten tat, und dass ich einen Freund auf Lebenszeit gewonnen habe?

Ich muss mich schon beeilen, in 10 Minuten sperrt dieses Internet-Cafe zu, ich kuerze es ab (wofuer mir Eure Arbeitgeber/Lebenspartner dankbar sein werden): Wir sahen weiters: Oystercatcher, Tui, Stewart Island Robins (auch Voegel, die gelernt haben, dass dort, wo Menschen gegangen sind, der Boden in Unordnung geraten und Insekten freigeworden sind, die daher ueberhaupt nicht scheu reagieren), South Island Saddlebacks, New Zealand Pigeons, Fantails,  New Zealand Parakeets (ja, kleine, bunte Zwergpapageien, soooooo suess!), und auch einen Kaka – einen Papagei in der Groesse eines Aras, an der Oberseite eher graeulich, aber die Unterseite ist bunt; auf den hatten wir zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt!

Ununterbrochen sind wir stehengeblieben, haben gelauscht, haben versucht, den Vogel zu finden, der gerade singt, kraechzt, gackert, was auch immer. Lustig auch der Moment, als wir auf einer kleinen Lichtung standen, weil wir gerade etwas singen gehoert hatten, und ich meinte „da muesste jetzt das New Zealand Pigeon kommen“, weil das Heft meinte, man koenne selbige oefter auf Lichtungen beobachten – und kaum habe ich fertiggesprochen, ertoente das ganz typische Geraeusch ihres Fluegelschlages (diese Voegel kommunizieren ueber dieses Geraeusch!), und ein Vogel flog ueber unsere Koepfe und setzte sich auf einen Ast.

Das Ulva-Island-Erlebnis hatte ein bisschen etwas von einem Freiluft-Disneyland. Das ganze Bemuehen des DOC, das „urspruengliche“ Neuseeland, ihr verlorenes Paradies, auf Inseln oder in Nationalparks wiederherzustellen, hat etwas davon, eine Illusion herbeizaubern zu wollen. Aber das Ergebnis hat auch etwas Berauschendes, bei aller Kuenstlichkeit: wir fanden’s genial.

Den naechsten Tag sind wir dann noch ein wenig auf Stewart Island selbst herumgelaufen: zuerst zum einzigen Leuchtturm von Stewart Island, Acker’s Point, ganz links unten auf der oben irgendwo verlinkten Karte: War ein schoener 3-Stunden-Walk hin und zurueck, wieder in unserer Geschwindigkeit, also eigentlich Langsamkeit, bei der wir staendig nach Vogeln Ausschau hielten, die wir schon meisterlich identifizierten. Ein neuer kam dazu, der Silvereye, ein entzueckender kleiner Mini-Vogel mit grossen, weiss umrandeten Augen, die dadurch noch groesser aussahen.

Und die zweite Wanderung von Halfmoon Bay nach rechts, noch 3 oder 4 Bays weiter, dort war eine Art Botanischer Garten.

Mit der Faehre ging es am Abend zurueck, und gottseidank war das Meer ziemlich ruhig – denn diese Ueberfahrt soll noch uebler werden koennen als die ueber die Cook-Strasse. Heute waren wir einfach so in Bluff und haben ueber die Meerenge geschaut – und das Meer hat wesentlich wilder ausgesehen als gestern. Also auch hier hatten wir Riesen-Glueck.

Und jetzt wieder einmal Schluss ohne Korrekturlesen – in zwei Minuten sperren sie zu. Ich sage Euch nicht, wie lange wir hier gesessen sind … ;-) Heute waren wir eher besichtigungsfaul. Aber das muss auch einmal sein, vor allem nach zwei so genialen Tagen, an denen wir wirklich viel gegangen sind.

2 Antworten

  1. huhu, echt toll, da ich auch ein vogelliebhaber bin, wäre ich gern bei euch gewesen, naja, vielleicht schaffen wir es doch euch mal zu dritt einen tollen super urlaub zu machen. wäre echt super.

    naja mein nächster „urlaub“ wird ein rehab aufenthalt in warmbad villach sein, hab vom arzt die verordnung erhalten und bereits eingereicht, ob ich mich darüber freuen soll, weiß ich echt nicht.

    zu euren vögeln, ich hab mich da auch schlau gemacht und mit einem kiwi gesprochen, die können nicht fliegen, würden dies aber gern, schauts euch folgenden link an:

    http://www.youtube.com/watch?v=sdUUx5FdySs

    bussi ihr zwei lg pauli

  2. wow, klingt ja wirklich herrlich exotisch der teil eurer reise! mich hat letztes mal im zoo so ein papageientier von rückwärts angeflogen, und vor seinem schnabel hab ich respekt, nachdem er paarmal hergepickt hat!
    tja, ich war nur im regenwaldhaus und hab einen flughund mit apfel gefüttert… aber umso herrlicher stell ichs mir vor, den regenwald live zu erleben und ihn zu durchwandern – schön, daß ich über deine elaborate dran so ausführlich teilhaben darf :-)
    gute heilung für die ferse (hab ich was überlesen? oder hast du das nicht geschrieben, was mit ihr passiert ist) und euch beiden noch ne schöne zeit!
    bussi
    a

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