Nach Christchurch gebummelt

Flugzeug, Bus, Faehre, Schusters Rappen - all diese Fortbewegungsmittel hatten wir schon hinter uns. Was fehlt uns also noch? Ja, Auto auch, das kommt morgen. Was noch? Richtig, der Zug! Der war heute dran. 347 km, von Picton nach Christchurch - wie lange kann ein Zug dafuer wohl brauchen? Alle, die unter 4 Stunden getippt haben: Ihr seid wohl Europaeer, oder? Gewohnt, den Zug als Transportmittel zu nutzen. Falsch, ganz falsch. All jene, die unter 5 Stunden getippt haben: Ihr habt einfach mit sehr vielen Zwischenstops gerechnet, oder? Gab es gar nicht, der Zug blieb bis Christchurch genau 4 x stehen. Nein, es waren 5 Stunden 20 Minuten. Und das ist bitte genau nach Plan.

D.h., ganz genau nach Plan war es nicht. Der Zug fuhr naemlich mit einer Stunde Verspaetung ab, weil er auch eine Stunde zu spaet aus Christchurch in Picton ankam. Das finde ich fuer eine Eisenbahnstrecke, auf der am Tag genau ein Passagierzug verkehrt, doch eine reife Leistung.

Denn: Die Neuseelaender haben ihre Eisenbahnstrecken auf touristische Attraktionen reduziert. Es gibt genau 3 (!) Fernzuege, die noch durch Neuseeland gondeln, und alle 3 gondeln genau je 1 x in jede Richtung. Sprich, der TranzCoastal, mit dem wir heute fuhren, faehrt planmaessig um 7 Uhr von Christchurch ab, erreicht um 12:13 Picton. Sollte von dort um 13 Uhr abfahren und um 18:20 wieder in Christchurch eintreffen.

Und bei diesem dicht gedraengten Fahrplan finde ich es wirklich eine reife Leistung, wenn dieser Zug schon mit einer Stunde Verspaetung in Picton eintrifft. Begruendung: Gleisbauarbeiten. Ja, wirklich ein unvorhergesehenes Ereignis, das man keinesfalls in diesem kompliziertem Fahrplan beruecksichtigen koennte. Da ist es wirklich noetig, dass uns die nette Dame beim Check-In unseres Gepaecks, wo wir gegen 10:15 eintrafen, weil wir unser Gepaeck nicht den ganzen Vormittag durch Picton schleppen wollten, noch mitteilt, dass wir um 12:45 da sein sollen, um zu boarden.

Was dann, weil wir noch gemuetlich in der Sonne vor’m Meer gesessen waren, wo wir zwei Faehren bei der Ankunft und bei ihrem faszinierenden Wendemanoever zugesehen hatten (ich koennte ewig an Haefen sitzen und Riesen-Kuebeln dabei zuschauen, wie sie am Fleck drehen und passgenau in Hafenbecken einparken, die um genau 2 cm groesser sind als sie selbst) , was also, weil wir so gemuetlich die Zeit verstreichen hatten lassen, dazu fuehrte, dass wir um 12:46 wie von der Tarantel gestochen aufsprangen und zum (4 Minuten entfernten) Bahnhof hasteten (was Karin mit ihrer noch immer nicht sonderlich entwickelten Kondition etwas ins Schnaufen brachte, was, wie sie gerade entruestet einwirft, daran liegt, dass sie ja schon kiloweise Papier in Form von Informationsbroschueren durch die Gegend schleppt), zum Bahnhof also, wo wir dann gluecklich feststellten, dass der Zug noch nicht einmal eingetroffen war. Punkt. Luft holen. Den Satz noch einmal lesen und bewundern, wie Subjekte, Praedikate und Objekte tatsaechlich irgendwie zusammenpassen, obwohl ich so kunstvoll Haupt- und Nebensaetze sowie gedankliche Einschuebe ineinandergeschoben habe. Vielleicht ueberpruefen, was ich eigentlich sagen wollte - soll ich’s zur Sicherheit noch einmal wiederholen? Nein, gut, dann also weiter.

Der Zug: Sehr viel Charme. War bestimmt einmal hochmodern. So in den 70ern des vorigen Jahrtausends wahrscheinlich. Aber sehr viel Charme, wirklich. Unser Waggon wieder einmal hinuntergekuehlt auf Tiefkuehltruhe, diesmal wollte sich Karin die goldene Ehrennadel verdienen, sprich, sie bat um eine Reduktion des Airconditioning, alleine: man haette Probleme mit dem Airconditioning. Unser Waggon sei zu kalt, die anderen gar nicht gekuehlt - wir koennten also entweder bleiben und frieren, oder in einen anderen Wagen wechseln und schwitzen. Wir entschieden uns fuer wechseln; auch deswegen, weil der Zug mit einem offenen Aussichtswagen ausgestattet war, der ganz hinten hing, unser Waggon hingegen ganz vorne, und wir wollten nicht staendig durch den ganzen Zug wandern muessen. Also erhielten wir Sitze im hintersten Waggon zugewiesen und wechselten die naechsten 5 1/2 Stunden munter zwischen unseren Sitzen oder dem offenen Wagen, ganz wie uns gerade war.

Und es war herrlich. Der Zug tuckerte ja eher gemuetlich vor sich hin. Naeherte er sich touristisch Interessantem bremste er ueberhaupt auf Schrittgeschwindigkeit hinunter und rollte gemuetlich z.B. an der angeblichen Seehund-Kolonie vorbei: Und auch wenn hinter uns drei Kinder sassen, die sich staendig mit “I saw one! I saw five! I saw twenty!” ueberboten, weder Karin noch ich entdeckten einen Seehund oder einen Delphin. Aber der Blick war trotzdem immer wieder genial: Anfangs ging’s noch mehr durch huegelige, z.T. mit Weinreben bewachsene Landschaft, dann an den Pazifik, wo die Ausblicke insbesondere genial wurden, als wir die Kaikoura-Berge passierten, und schliesslich durch endlose Grassteppen gegen Christchurch.

Insbesondere die Fahrt auf dem offenen Waggon war ein sinnliches Erlebnis allererster Guete: der Panoramablick, die warme Sonne, der (anfangs lauwarme, spaeter kuehle) Wind, der Geruch nach Gras, nach Meer, das Rattern und Ruetteln des Zuges - die OEBB-Werbung verspricht: Bahnfahren wirkt und wirbt mit schlafenden Menschen, diese Zugsfahrt machte in hoechstem Grade wach.

Ja, und so verging unser heutiger Tag. Es war “nur” Reisen, und war doch mehr als das. Es war ein Erlebnis.

Und morgen, ja morgen holen wir unseren Leihwagen. Wir wissen wann (9 Uhr!), wir wissen wo, und mein Scout hat dann doch eingesehen, wo Westen ist und weiss auch schon ungefaehr, wie wir aus Christchurch rauskommen. Ich bin aber guter Dinge, dass sie mich morgen in gewohnter 1-A-Qualitaet aus der Stadt lotsen wird. Was wir aber erst am Nachmittag tun werden, den Vormittag werden wir uns noch in der Stadt herumtreiben. Und irgendwann zwischen 14 und 15 Uhr geht’s Richtung Lake Tekapo, ziemlich genau in die Mitte der Suedinsel.

Ich ersuche, morgen mehrmals taeglich ganz fest “links fahren” zu denken, damit ich mich schneller daran gewohne.

3 Responses to “Nach Christchurch gebummelt”

  1. LINKS fahren,

    LiNkS fahren

    …und immer dran denken: Links fahren! ;)

    Ich habe gestern tatsächlich mehrmals “links fahren” gedacht……

    …es aber dann sicherheitshalber unterlassen! :) :) :)

  2. ACHTUNG; ACHTUNG
    EINE WICHTIGE MELDUNG:

    es wurde soeben gemeldet, dass in neuseeland ein schweinchen mit einer kiwi in einem fahrbaren untertasse auf der falschen straßenseite unterwegs ist.

    bitte dringend, dieses gefährt aufhalten und auf die richtige straßenseite lotsen oder die neuseeländische polizei inform.

    danke für ihre unterstützung

  3. Da soll noch mal wer über die verspätungen der oebb maulen. Istü brigens auch das Lenkrad eures Autos eigentlich auf der verkehrten Seite. Wenn dem so ist könnten wir ja über den Verkehrsdienst der jeweiligen Stadt eine totalsperre der jeweilig befahrenen strasse veranlassen.

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